Verlieren-Können, Trauerphasen und wie man aus dem Tal kommt
- vor 2 Tagen
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Was haben Wirtschaft und Fußball miteinander zu tun? Schaut man sich Argentinien an lautet die erste Antwort: Gar nichts. Der argentinischen Wirtschaft geht es gleichbleibend schlecht, aber die argentinische Fußball-Nationalmannschaft und viele ihrer Einzelspieler blühen. Die zweite Antwort: Beide verhalten sich womöglich umgekehrt proportional zueinander, und das geht so: Je schlechter es der Wirtschaft geht, desto mehr arbeitet eine große Zahl argentinischer Jungs daran, Fußballprofi zu werden um der Armut zu entkommen. Und desto mehr Leidenschaft für eine an Misserfolgen reiche Gesellschaft wird für Fußball generiert. Die Emotionen von Fans, die teilweise Haus und Hof versetzt haben um an die Austragungsorte der Spiele ihrer Mannschaft fahren zu können werden immer wieder als Treibstoff beschrieben, der die die argentinische Mannschaft vom Viertel- und Halbfinale bis ins Finale der Weltmeisterschaft getragen hat. Aufs Ganze betrachtet ist das alles reichlich verrückt. Psychologisch betrachtet ist es aber goldrichtig: in Argentinien werden wirtschaftliche Niederlagen durch sportliche Höhenflüge kompensiert. Das Leben geht weiter, irgendwie. Und nicht alles ist Schatten.
Ein Blick auf Deutschland: Eben noch Autobahn- und Autobauweltmeister, Fußballweltmeister, Bildungsweltmeister, Pünktlichkeitsweltmeister – und nu? Renten und Krankenkassen werden zusammengefaltet, die Jugend ist teilweise perspektivlos und nicht Deutschland, sondern Österreich und Portugal wurden von den anderen in den UNO-Sicherheitsrat gewählt. Kein schönes Land in dieser Zeit! Keine Kompensation in anderen Bereichen in Sicht. Kollektiv-psychologisch gesehen ist das ein Verlust, der zur Trauer führt und Trauer – egal ob um einen Menschen oder um ein Land, wie ich hier behaupten möchte – hat nach Verena Kast vier Phasen.
Da ist die erste Phase: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Deutsche Vergaser-Autos verkaufen sich nicht mehr gut? Kann ja wohl nicht sein, dann schotten wir den EU-Markt halt ab. Unsere Nationalmannschaft kassiert zu viele Tore? Dann beschwören wir deutsche Tugenden und belassen es bei einer löchrigen Verteidigung und einem alten Torwart. Die D-Mark wollen wir übrigens auch wieder haben. Mich erinnert das an den schwarzen Ritter, dem König Artus in „Die Ritter der Kokusnuss“ von Monthy Python im Schwertkampf zunächst einen Arm abtrennt. Trotzdem will der sich nicht ergeben will, sondern ruft: „Ist nur ein Kratzer!“ Nachdem ihm der andere Arm und außerdem seine zwei Beine abgehackt wurden, bietet er dem kopfschüttelnden König ein Unentschieden an. Dann wäre da die Phase zwei: die „aufbrechenden Emotionen“. Wut und Angst machen sich breit. Unnötig zu sagen, dass es riesige social media Blasen und ganze Parteien gibt, die genau das zum Geschäftsmodell gemacht haben. Da sucht man, wie der Liedermacher Franz Josef Degenhardt singt, den, der schuldig ist, an all dem Unglück in der Welt. Den Migranten zum Beispiel. Die Chinesen. Die Amerikaner. Tja – und viel weiter sind wir mit der Verarbeitung unserer Trauer über Deutschlands Niedergang noch nicht gekommen, Mit Phase drei - dem schrittweise Loslassen - sind wir ebenso wenig befasst wie mit Phase vier, dem neuen Selbst- und Weltbezug. Erst diese beiden Bearbeitungsphasen ermöglichen es, das Leben neu auszurichten. Aber nochmal: alles beginnt damit, dass man vom schlechten Verlierer, der Dinge nicht wahrhaben will, zu einem wird, der sich berappelt hat und der einen klaren, realistischen Blick auf die Lage hat. Zum Beispiel mit einer Analyse, die anerkannt, dass das deutsche Bildungssystem, wie uns die Pisa-Studie gelehrt hat, nicht Spitze ist, sondern lediglich hinteres Mittelfeld. Und die feststellt, dass bei Fußball und Schulen, bei Patentanmeldungen und Unternehmensgründungen grundlegende Aufbauarbeit zu leisten ist, die sich nicht in ein oder zwei Jahren auszahlt, sondern erst in zehn oder zwanzig.
Das klingt alles nicht nach dem heutigen, aktuellen Deutschland, oder? Dabei hätten wir durchaus Zeit für die großen Trauer- und Trauerüberwindungsphasen gehabt. Denn der ganze große Strauß an Problemen dieses Landes ist älter als 15 Jahre – genauer gesagt mindestens doppelt so alt. 1997 hat ein Bundespräsident die einzige Rede gehalten, die von ihm in Erinnerung geblieben ist. Es war Roman Herzog im Berliner Adlon Hotel, der die Erstarrung der Gesellschaft, eine „unglaubliche mentale Depression“, die Risikoaversion und die Angstszenarien im Lande beklagte. Er stellte fest und forderte: „Die Welt ist im Aufbruch, sie wartet nicht auf Deutschland. Aber es ist auch noch nicht zu spät. Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“
Er hatte Recht mit der Analyse. Nur war der alles entscheidende Satz mit „dem Ruck durch Deutschland“ leider Unsinn. Denn Gesellschaft und politische Kultur funktionieren in komplexen Gesellschaften nicht gleichförmig und nicht gleichgerichtet. Es wird unterschiedlich geschaut, unterschiedlich schlussgefolgert und unterschiedlich gehandelt. Trauer und die eigene Vergangenheit wird man nicht mit einem „Ruck“ los. Das Bild von einer Gruppe, die an einem Tau zieht und – zack – schon ist der Karren aus dem Dreck, ist schlichtweg falsch. Mir gefällt das Bild von einem Bergsteigerteam, das erstens weiß, „was“ es grundsätzlich will – nämlich einen schwierigen Berg erklimmen und heil wieder herunterkommen. Zweitens weiß das Team genau, „wie“ es das machen will, nämlich mit welchem Equipment, welcher Verpflegung, welchen Klettertechniken und mit welchen Zwischenetappen.
Was aber, wenn immer noch unklar ist, auf welchen Berg es überhaupt gehen soll, sprich welches die vorrangigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ziele sind? Dann gilt es zunächst, das festzulegen. In der Zwischenzeit heißt es für das Team und für alle: fit werden, weiter trainieren, kleine Berge übungsweise besteigen.
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